Dr. Klaus Mühlhans über ‚Losgröße 1 in der Glasindustrie‘

Auftakt der StudiumPlus-Vortragsreihe Umsetzungsstrategien Industrie 4.0

Was würde passieren, wenn Sie Ihr Auto fünfzehn Zentimeter kürzer bestellen würden, damit es in die Garage passt? Ein Massenproduzent müsste für Sie ein Produkt in Losgröße 1 fertigen. Sie und der Hersteller hätten damit eine Menge Probleme, denn dieser Fall ist in der Automobilfertigung nicht vorgesehen. Bei einer Glasscheibe oder einem Fenster hingegen sind individuelle Maße selbstverständlich: Das illustriert den Unterschied zwischen Massenproduktion und Variantenfertigung, wo tagtäglich mit Losgröße 1 gearbeitet wird.

Im Wintersemester 2016/17 setzt StudiumPlus, das duale Studienprogramm der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM), die erfolgreiche Vortragsreihe "Umsetzungsstrategien Industrie 4.0" fort, in der ausgewiesene Experten aus Theorie und Praxis mit spannenden neuen Themen zu den Chancen von Industrie 4.0 referieren.

Dr. Klaus Mühlhans, Technical Key Account Director beim Softwarehaus und StudiumPlus-Partner A+W, eröffnete am 03. November 2016 die Vortragsreihe und erklärte anschaulich, warum in der Flachglas- und Fensterindustrie nicht mit Standard-ERP (Enterprise Ressource Planning) Systemen wie SAP gearbeitet werden kann: Hier ist vielmehr hoch spezialisierte Branchensoftware erforderlich, wie A+W sie seit beinahe vierzig Jahren entwickelt und überaus erfolgreich vertreibt.

Mit seinen Lösungen steuert und optimiert das hessische Softwareunternehmen die gesamte Wertschöpfungskette vom Basisglas bis zum fertigen Fenster oder Fassadenelement - von der Auftragsbearbeitung über dynamische Verschnittoptimierung und Produktionsmanagement bis hin zur optimierten Direktverpackung und Auslieferung. Rund um den Globus betreuen die hessischen Softwareexperten ca. 1.100 Kunden.

Aber was genau ist denn eigentlich Flachglas? Alles, was kein Hohlglas ist, erklärt Dr. Mühlhans, also keine Flaschen, Gläser etc. Gebogen darf das Endprodukt aber sein, wie etwa moderne Automobil-Scheiben oder anspruchsvolle Fassadenelemente.

Flachglas als Werkstoff erhalten A+W-Kunden in Form von 3,21 x 6 m großen Tafeln. Diese Basisgläser mit maximaler Ausbeute maschinell zu schneiden war 1977 die Anforderung an die allererste A+W Software. Das hervorragende Ergebnis mit seinem enormen Spareffekt veränderte die Branche tiefgreifend: Der erste Schritt zur weltweiten Marktführerschaft von A+W war getan.

Industrie 4.0, so Mühlhans, ist in der Variantenfertigung von besonderer Bedeutung, da jedes der individuellen Produkte verplant, identifiziert, adressiert und zielsicher durch die Fertigung gesteuert werden muss –die Scheibe in der Fertigung kommuniziert ihrerseits und informiert via Barcodelesung über ihre technischen und geometrischen Daten, ihre vorige und die vorgesehene nächste Bearbeitung und andere wichtige Parameter. Bei der Herstellung von Millionen gleicher Nägel oder Batterien, so der Referent, ergeben sich derlei Notwendigkeiten nicht.

Die größte Herausforderung an die Software besteht nun darin, eine durchgängige Fließfertigung für Unikate zu schaffen – an sich ein Widerspruch, ohne dessen Lösung sich aber in der Glas- und Fensterindustrie kein Geld verdienen ließe. Das führt uns wieder zu Industrie 4.0: Je höher der Automationsgrad, je intelligenter die zunehmend digitale Kommunikation zwischen Mensch, Maschine und Werkstück, desto höher sind in der Variantenfertigung Produktivität, Effizienz und letztlich der Ertrag.

Erst durch die richtige Software wird die intelligente und vernetzte Produktion durch eine hocheffiziente Steuerung aller Maschinen überhaupt möglich.
Wie dies in der Praxis funktioniert, um die Herausforderungen von Industrie 4.0 erfolgreich zu meistern, zeigen wir Ihnen im Video "Industrie 4.0 in der Glasindustrie".